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Seit 200 Jahren haben sich Naturwissenschaften, Technik und Medizin rasant weiterentwickelt –  wir benutzen Autos, Flugzeuge, Navigationssysteme, Babywindeln, Funktionskleidung und Smartphones, die dem neuesten Stand der Forschung entsprechen. Die Homöopathie richtet sich hingegen nach Originalrezepturen von Hahnemann und versetzt sich in eine Zeit, in der weder Viren noch Bakterien, ja nicht einmal Zellen bekannt waren, geschweige denn die Vorgänge in diesen oder überhaupt im Körper. Ausgerechnet wenn es um die eigene Gesundheit geht, verlassen sich viele Menschen nicht auf den derzeitigen Wissensstand, sondern drehen das Rad der Erkenntnis um 200 Jahre zurück. Da stellt sich die Frage nach dem Warum.

Der Erfolg der Homöopathie beruht im Wesentlichen auf Irrtümern:

  • Angefangen mit Hahnemanns Fehlinterpretation des Chinarindenversuchs Herstellung vom Nichts bei der Potenzierung über die Herstellung vom Nichts bei der Potenzierung bis hin zur erwiesenen Wirkungslosigkeit homöopathischer Mittel im Doppelblindversuch bricht das Kartenhaus der Homöopathie schnell zusammen. Um diese Erkenntnisse zu ignorieren, müsste man schon den ganzen naturwissenschaftlichen Verstand – so er denn vorhanden ist – ausschalten.
  • Der allgemein verbreiteten, teilweise auch berechtigten Skepsis gegenüber chemisch hergestellten Arzneimitteln setzt die Homöopathie die Vorstellung einer sanften, natürlichen und nebenwirkungsfreien Medizin entgegen. Das ist eine Illusion.
  • Sehr oft wird die Homöopathie mit der Pflanzenheilkunde verwechselt, was durchaus beabsichtigt wird, wie an den Werbefotos von Homöopathika-Herstellern zu sehen ist. Abgesehen davon, dass schon die Gleichstellung „rein pflanzlich = harmlos“ falsch ist – man denke nur an Tollkirsche und Opium – wird nicht differenziert zwischen der wirksamen Anwendung von Heilpflanzen und der Einnahme von wirkstofflosen Zuckerkügelchen. Es ist aber ein – im wahrsten Sinne des Wortes – riesiger Unterschied, ob man einen Kamillentee trinkt oder Chamomilla C30-Globuli einnimmt.
  • Angefangen von Begriffen wie „Homöopathie“, „Potenzierung“ oder „Globuli“ bis hin zur ausschließlichen Verwendung lateinischer Namen für die homöopathischen Mittel wird eine Wissenschaftlichkeit suggeriert, die absolut nicht vorhanden ist. Mit einer solchen sprachlichen Verpackung klänge schon ein Gummibärchen richtig wissenschaftlich: Ursus elasticus.
  • Gegen die Feststellung, dass Globuli im Krankheitsfall keinerlei Wirkung zeigen, hat sich die Homöopathie mit dem Begriff der „Erstverschlimmerung“ abgesichert. Das ist genial ausgedacht: Verschlimmern sich Krankheitssymptome nach der Einnahme, so wird das in der Weise gedeutet, dass das Mittel zu wirken beginnt, werden sie dagegen gelindert, ist es auch gut. Das ist so allgemeingültig wie der Satz: Es regnet, oder es regnet nicht.
  • Homöopathie als Alternativmedizin zu bezeichnen, ist gleich doppelt falsch: Zum einen ist Homöopathie überhaupt keine Medizin, sondern eine Irrlehre, und schon gar nicht ist sie eine Alternative zur wissenschaftlichen Medizin. Diese im Gegenzug als Schulmedizin zu bezeichnen, ist geschickt – man darf voraussetzen, dass die Assoziation mit dem Begriff „Schule“ bei vielen Menschen ungute Gefühle weckt.

Der Erfolg der Homöopathie begründet sich aber vor allem auch darauf, dass dem Patienten Zeit und Zuwendung geschenkt wird. Eine Erstanamnese dauert in der Regel eineinhalb bis zwei Stunden. Der Homöopath interessiert sich dabei für den ganzen Menschen und nicht nur für die Krankheit. Hinter dem wirtschaftlichen Erfolg der Homöopathie steckt ein zutiefst menschliches Bedürfnis des Angenommenseins, das gerade bei einem leidenden Menschen sehr ausgeprägt ist. Diesen Aspekt sollten sich Mediziner, Krankenkassenfunktionäre und Politiker sehr genau ansehen – auch in der wissenschaftlichen  Medizin würde ein Mehr an Zeit und Zuwendung dem Patienten guttun. Und statt fragwürdige Homöopathieanwendungen zu finanzieren, wäre das Geld an dieser Stelle besser investiert.